Ins Hirn gehört

Unter dieser Seite werden wir unregelmäßig Wörter und Sätze veröffentlichen, die total behiindert verwendet werden.

Wörter, die sehr oft darüber Auskunft geben, wie behinderte Menschen unserer Erfahrung nach gesehen werden.

Zu jedem Wort wird es zunächst eine Duden-Definition geben, den Kontext, wie wir sie gehört haben, und so, wie sie korrekt ins Hirn gehören.

Sollten Sie derartige auch kennen – immer her damit: jjplvgraz@gmail.com

  • schwerhaben

    Duden-Definition: [in Bezug auf etwas, besonders auf das Schicksal oder ein konkretes Problem] große Schwierigkeiten haben (mit formalem Objekt „es“)

    „Ihr habt es sicher schwer in eurer Situation“ – einer der (pseudo)mitfühlensten Aussagen, die wir hören. Pseudo deshalb, weil sehr oft mitschwimmt, darüber froh zu sein, es nicht „so schwer“ zu haben.

    Unsere Antwort: Meist hätten wir es nicht schwer, wenn man einfach das tut, was wir wollen UND auch akzeptiert, wenn wir es NICHT so wollen wie vorgeschlagen. Anders und eindeutiger formuliert: Der gleichberechtigte Zugang zum Leben ist kein Verhandlungsgegenstand.

  • Zurechtfinden / -kommen (https://www.duden.de/rechtschreibung/zurechtkommen):Duden:
    1. für etwas ohne große Schwierigkeiten einen möglichen Weg, die richtige Lösung finden, es bewältigen; mit jemandem, etwas fertigwerden
    2. rechtzeitig, zur rechten Zeit kommen

     

    „Ihr kommt alleine (nicht) zurecht, oder?“ – einer der interessantesten Fragen für nicht behinderte Menschen, unserer Beobachtung nach. Wir vermuten, dass es hier einerseits um Sorge, andererseits um Bewunderung etc. geht.

    Schaut man sich die Definitionen an, kommt nur 1) in Frage, unsere Antwort darauf: die Lösung(en) finden wir meist sehr schnell, wenn man – und so dürfte es nicht nur uns gehen – uns nicht behördliche und gutachterliche Barrieren aufbaut, so ist das meist auch ohne große Schwierigkeit möglich.

    Merke: Ob wir zurechtkommen und -finden, entscheiden WIR meist nicht, sondern die Umwelt, in Gestalt von Behörden, Gutachtern und sonstigen Unsverstehern. Miteinscheidend hier in Graz sind – vor allem im Sommer – auch zahlreiche Baustellen etc., wie es mit dem zurechtfinden aussieht – aber der nächste Winter kommt bestimmt.;-)

     

  • Aushelfen (https://www.duden.de/rechtschreibung/aushelfen)Duden:
    1. jemandem etwas geben oder leihen und ihm damit in einer vorübergehenden Notlage, aus einer Verlegenheit helfen
    2. vorübergehend helfen, Beistand leisten; für jemanden einspringen

    Von der zweiten Definition ist „vorübergehend helfen“ exakt das, was Assistenz tut. Sie leistet zwar keinen Beistand, jedoch springt sie für unsere Augen, Jakobs Arm und hin und wieder Bein ein.

    Definition 1 stimmt im Prinzip auch, sogar das mit der Verlegenheit unter Umständen, wenn die AssistentInnen auf deren Konto schauen und WIR – durch Bezahlung – aus dieser – hoffentlich nicht zu großen – Notlage helfen…;-) So ist jedem letzten Endes geholfen…;-)

  • Außergewöhnlich (https://www.duden.de/rechtschreibung/auszergewoehnlich)Duden: – nicht in, von der gewöhnlichen, üblichen Art; vom Üblichen, Gewohnten abweichend; ungewöhnlich– über das gewohnte Maß hinausgehend; sehr groß– sehr, überaus

    Dabei handelt es sich um ein Wort, das es sogar in Zusammenhang mit behinderten Menschen ins Steuerrecht geschaft hat.

    Die Definitionen zeigen klar auch den Grund: „über das gewohnte Maß hinausgehend“ dürfte der Grundgedanken im Steuerrecht sein: Behinderungsbedingte Ausgaben, die man ohne Behinderung nicht hätte.

    Anders sieht die Sache aus, wenn „außergewöhnlich“ Bewunderung für behinderte Menschen ausdrücken soll, weil da besteht die Gefahr, es so zu meinen, wie es die erste Definition vorsieht: Nicht von der üblichen Art zu sein.
    Das dürfte nicht unbedingt sehr inklusiv und wünschenwert sein.

  • EinfordernDuden: Sprachlich handelt es sich dabei um ein zusammengesetztes Verb, weshalb „ein-“ und „fordern“ getrennt zu betrachten sind:„ein-“ ist in diesem Fall definiert als „zu sich heran“, wobei „einfordern“ als Beispiel angeführt wird (vgl. Bedeutungswörterbuch, 4. Auflage).„fordern“ ist definiert als
    1. einen Anspruch erheben und ihn nachdrücklich kundtun; verlangen
    2. auffordern [lassen], sich im Zweikampf oder vor Gericht für etwas zu verantworten
    3. (jemandem) etwas abverlangen; zu einer Leistung zwingen
      (https://www.duden.de/rechtschreibung/fordern)

    Im Kontext sind die Definitionen 1 und 3 relevant: Zu 1) muss es leider sehr oft, zu 3) im schlimmsten Fall kommen. Dass es  zu 3) kommt, liegt sehr oft an zu viel „Hascherl-“ und  Allmosen-Denken“, einem Denken, dass Politik und Verwaltung von einem Rechtsdenken befreit und viele, viele Organisationen davon gut leben, weil’s ohne sie nicht geht.

     

  • Versorgen (https://www.duden.de/rechtschreibung/versorgen)Duden:1.
    1. jemandem etwas, was er [dringend] braucht, woran es ihm fehlt, geben, zukommen lassen
    2. für jemandes Unterhalt sorgen; ernähren
    3. jemandem den Haushalt führen
    4. jemandem, einer Sache die erforderliche Behandlung zuteilwerden lassen, medizinische Hilfe zukommen lassen

    2.

    1. sich [als Verantwortlicher] um etwas kümmern, sich einer Sache annehmen
    2. (schweizerisch, westösterreichisch, sonst veraltend) verwahren, verstauen, unterbringen
    3. (schweizerisch, westösterreichisch, sonst veraltend) (in einer Anstalt) unterbringen, einsperren
      „Mei guat, dass ihr versorgt werdet.“ hören wir immer wieder.Bei genauer Duden-Betrachtung gar nicht soooo falsch, denn die Definition 1.1. stimmt zu 100%, die Definition 1.2-1.4. sind schlicht falsch. Von den 2er Definitionen reden wir gar nicht.
      1.1. stimmt deshalb, weil Assistenz versorgt uns mit Aug, Arm und Bein – so soll’s ja sein…;-)

     

  • Begleiten (https://www.duden.de/rechtschreibung/begleiten
    Duden:
    mit jemandem, etwas zur Gesellschaft, zum Schutz mitgehen, mitfahren; an einen bestimmten Ort bringen, führen
    (gehoben) gleichzeitig, eng verbunden mit etwas vorhanden sein, auftreten; mit etwas einhergehenetwas zu etwas hinzutreten lassen, ergänzend, bekräftigend hinzufügenein Solo, einen Solisten auf einem oder mehreren Instrumenten unterstützen

    Zugegeben, dass ist ein an und für sich sehr unschuldiges, hilfloses  Wort. Die mentale Hilflosigkeit dürfte auch der Grund sein, warum man im Behindertenbereich dieses Wort immer wieder benutzt, um eigenhtlich ASSISTENZ zu beschreiben.Aktuellstes Beispiel. Im Gutachten bezüglich des Assistenzbedarfs von Jakob spricht man von „Hausaufgabenbegleitung“.Wir würden meinen, dass keiner der  oben genannten Definitionen passt, jedoch haben wir es geschafft, dieses Geheimnis zu lüften: Dabei handelt es sich um verkorxte Behindertenterminologie, diesmal stammend  aus dem Steiermärkischen Sozialbetreuungsberufegesetz. Sollten Sie bisher aufmerksam mitgelesen haben, kommen sie sehr wahrscheinlich zur gleichen Konklusio wie wir: Diese Weichspüler-Termonologie hat mit unserer Lebensrealität rein gar  nichts zu tun, denn wir brauchen – um es verständlich auszudrücken – Hilfe durch Vorlesen VON TEXT, jedoch nicht HILFE BEIM VERSTEHEN  von Text.
  • Auskosten (https://www.duden.de/rechtschreibung/auskosten)
    Duden:   ausgiebig bis zum Ende genießen, ganz ausschöpfen,  erleiden, durchleidenDieses Wort hören wir gelegentlich, wenn es darum geht, dass Dritte unseren Assistenzbedarf verstehen wollen und dann begeistert, jedoch keineswegs kapierend, sagen: „Ich verstehe, dass du die Assistenz auskostest.“Darum geht es nie und nicht: Assistenz ist da für den Ersatz von Auge, Hand und Bein. Punkt. Hand, Augen und Bein WEGEN Assistenz mehr zu verwenden, als notwendig, nuuuun, tun sie das? ODER verwenden Sie Augen, Arm und Bein, wenn sie diese brauchen?
  • Trotz
    Duden-Definition: obwohl eine Person oder Sache einem bestimmten Vorgang, Tatbestand o. Ä. entgegensteht, ihn eigentlich unmöglich machen sollte; ungeachtet; ohne Rücksicht auf.Wir würden dieses Wort als DAS „Bewunderwort“ schlecht hin bezeichnen. Obwohl Behinderung, ist dies und das.Wir verraten Ihnen etwas: Trotz dem Sie sich versuchen, bewundernd in unsere Lage zu versetzen, meistern Sie diese Aufgabe ziemlich schlecht….;-)Wie schon mehrfach ausgeführt, ist meist nicht TROTZ Behinderung etwas möglich, sondern TROTZ der Barrieren, die bestehen, weil wir TROTZ der mentalen Barrieren unser Leben leben.
  • Meistern (https://www.duden.de/rechtschreibung/meistern)
    Duden: etwas, was Schwierigkeiten bietet, bewältigen; bezwingen
    etwas (besonders eine Emotion) im Zaume halten, beherrschen
    zu handhaben verstehen; meisterhaft beherrschen
    (selten) schulmeistern
    (Sportjargon) bewältigen; schaffen
    Dabei handelt es sich um eines der interessantdummsten Wörter: Einerseits, weil vieles an Schwierigkeiten durch Barrieren im Kopf entsteht, andererseits der Aspekt des Verstehens der Handhabung, weil hoffentlich jeder weiss, wie er mit SEINEM Leben umgeht – und das sollte sich grundsätzlich einmal nicht unterscheiden.
    Die – zwangsweise – Unterscheidung zwischen dem Leben von Menschen mit und ohne Behinderung entsteht garantiert mehrheitlich durch die fehlenden Möglichkeiten der „normalen Lebensführung“.