Corona und wir – Teil 2

Dieser Beitrag ist dem „Bedarf“ gewidmet.

Wir haben in Teil 1 bereits über die skurrile Situation generell berichtet: Z. B. stelle ich am 1.10.2018 einen Antrag über den Bedarf für den 1.9.2019.

Geht nicht, werden Sie sagen. Und Sie haben Recht!a

Und die aktuelle Corona-Situation führt dazu, dass man möglicherweise angegebenen Bedarf gar nicht, jedoch nicht angegebenen Bedarf (verstärkt) hat.

Beispiel aus unserem momentanen Alltag:

  • Spielplatz = Vorlesen
  • Einkaufen = Reinigung
  • Shoppen = Assistenz bei nicht barrierefreien Online-Angeboten

Und letzte reicht nicht nur bis ins Shoppen, sondern auch in Bereiche des „Lernens zu Hause“.

Am 12.4.2020 gibt es „Corona und wir – Teil 3“

 

Corona und wir – Teil 1

Aktuell, März 2020, spricht alles über und lebt alles nach Corona.

Auch wir, d. h. vier Kinder, Jasmin und Jakob, im Fachmund auch „Familie“ genannt.

Und genau diese voll inklusive Situation – weil es uns wirklich alle betrifft, werden wir aus verschiedenen Aspekten dokumentieren: Wie stark das aktuelle System der so genannten „Behindertenhilfe“ in dieser Zeit ist bis hin zu personal(planungs)technischen Fragestellungen.

Starten tun wir mit der so genannten Antragstellung: Man stellt einen Antrag auf eine Leistung gemäß dem steiermärkischen Behindertengesetz – ein voll und ganz nachvollziehbarer Weg: Ohne Antrag kein Verwaltungshandeln (möglich).

Weiters ist im Bereich des persönlichen Budgets ein so genannter Selbsteinschätzungsbogen notwendig: Man gibt an, was man plant und wofür man (dabei) Hife/Assistenz benötigt. Ebenfalls nachvollziehbar – im Normalfall.

Kurios dabei: Man stellt einen Antrag für die Zukunft, was man in der Gegenwart und näheren Zukunnft plant zu tun, was man in der Vergangenheit sehen wird, ob diese Einschätzung realistisch war. Anders und philosophischer: In der Gegenwart liegt der zukünftige Bedarf aus Gedanken der Vergangenheit.

Dass da jedoch nicht zu viel Selbstbestimmung herauskommt, gibt es GutachterInnen, die dir deinen Bedarf kleinreden, nicht anerkennen etc.

Und exakt dieses Stundenrechnen ist nunmehr mehr als sinnbefreit: Weil nix so ist, wie geplant, für niemanden.

Zeitgleich ändert sich in vielen Bereichen Bedarf: So ist der „Digitalbedarf“, der, wie berichtet, von den Gutachterinnen, bereits 2018 NICHT verstanden wurde, nun das Um und Auf, weil (Vor)Lesen großes Thema ist.

Zusammfassend lässt sich festhalten:

  • Gut, dass die Steiermark seit Jahrzehnten den Rechts- und nicht den Richtlinenweg geht.
  • Unbrauchbar, dass Assistenz viel zu lange „erahnt“ werden muss.
  • Sinnlos sind mehr denn je nicht betroffene GutachterInnen, deren einzige Aufgabe in der Gleichberechtigungssubtraktion besteht.

Kurioses Detail am Rande: In der Kleinen Zeitung vom 25.3.2020 steht wörtlich:
13.30 Uhr: Anträge auf Mindestsicherung und andere soziale Hilfen können nun elektronisch oder telefonisch eingebracht werden – es kommt zu  vereinfachten Verfahren bei steirischen Behörden. Seit 16. März ist der Parteienverkehr im Amt der Landesregierung und in den Bezirkshauptmannschaften wegen der Coronavirus-Gefahr vorübergehend eingestellt. „Um alle Menschen, die dringend soziale Unterstützung brauchen, weiter optimal unterstützen zu können, führen wir in der Sozialabteilung ein vereinfachtes Verfahren ein. Bürgerinnen und Bürger können Anträge elektronisch, per Mail oder ausnahmsweise auch mündlich per Telefon an die zuständige Gemeinden, die Bezirkshauptmannschaften, dem Magistrat Graz oder bei der Landesregierung einbringen“, erläutert Soziallandesrätin Doris Kampus. „Somit ist die soziale Basisabsicherung in der Steiermark für Tausende Menschen auch weiterhin sichergestellt.“

WAS dies für den bisherigen Weg der Ungleichbehandlungsauftragsarbeiten heisst, weiß man zur Zeit noch nicht.

Am 5.4.2020 gibt es „Corona und wir – Teil 2“

 

 

 

„Anbieten“ ist nicht sehr Assistenz

„Ich kann dir anbieten…“  und dann kommt meist die Möglichkeit, dass jemand etwas für dich tut.

Genau hingehört: Wie oft kommen dann Zeitmöglichkeiten (um nicht Zeitvorgaben schreiben zu müssen) und möglicherweise Kompetenzeinschränkungen (wie „Ich hab‘ zwar  kein Auto, aber ich könnt für dich fahren, wenn du eines hättest.“).

Und was soll daran schlecht sein?

Nichts. Nur  sind – bei den oben genannten Gedanken – dann eigentlich möglicherweise nur Teile eines Ganzen gelöst, was in der Praxis ziemlich kompliziert werden kann: Ich habe zwar einen Fahrer, aber kein Auto. Alternative wäre z. B. Taxi ODER  – und so machen wir es vorwiegend: Wir kümmern uns um ein stabiles Carsharing-System, das IMMER funktioniert, d. h. nur die Fahrerin ist noch beizustellen (=Assistentin).

Ja, und der Zeitfaktor ist unserer Erfahrung nach der „größte Spaß“: Nicht jemand hat für mich Zeit, sondern ICH muss  Zeit haben, wenn ER Zeit hat für mich. Und das ist bei „Nebengeschäften“ wie Kinder, Beruf etc. zusätzlich nicht sehr praktikabel, ja für Dinge die regelmäßig passieren (müssen) schlicht nicht möglich – weder für uns, noch für den Gratishelfer bzw. „Anbieter“.

Am 29.3.2020 gibt es „Corona und wir – Teil 1“

 

Dauert Assistenz durch Kinder länger?  – Teil 2

Wir haben über den zeitlichen Zusammenhang von KindERN und Assistenz bereits berichtet.

Nunmehr ein weiterer Aspekt, nämlich der, dass Kinder der Assistentin bei Tätigkeiten helfen wollen, die diese, die Assistentin, für die Eltern, also uns, macht.

Die Österreichfrage „Dürfen’s das?“ ist gar nicht leicht zu beantworten, da sie in diesem Fall gar nicht genau aussagt, was gemeint ist:
Ja, die Kinder dürfen helfen.

Ja, sie dürfen der Assistentin helfen, weil wir sowieso dabei sind.

Wie lange die Kinder der Assistentin helfen, ist schwer zu sagen und geht von 5 Sekunden bis …

Das Ganze hat noch einen anderen Aspekt: Sie lernen dadurch (über den „Umweg Assistenz“) Dinge, die sie von uns – behinderungsbedingt – nicht oder anders lernen würden. Am Ende kommt idealerweise bifähiges Handel heraus.

Am 22.3.2020 gibt es „Anbieten“ ist nicht sehr Assistenz“

Das Ziel ist ident, der Weg oft nicht

Oft haben wir den Eindruck, dass Menschen sehr schnell dabei sind, sich einzureden, dass etwas (für uns) nicht geht. In anderen Worten, sie legen (für uns) fest, dass WIR etwas nicht brauchen/können und somit auch nicht das gleiche Ziel wie sie haben.

DAS ist nur zu 99% nicht der Fall: Warum sollten unsere Kinder nicht auf den Spielplatz (=Ziel) gehen wollen? Warum sollen wir als Eltern unser Schulkind bei Hausübungen (=Ziel) nicht unterstützen wollen? Warum sollten wir nicht Zeitung (=Ziel) lesen wollen?

Das wollen wir alles, nur der Weg ist möglicherweise anders:

  • Für Spielplatz brauchen wir Assistenz
  • Für die Hausübungen brauchen wir die Materialien digital, wofür wir Assistenz brauchen.
  • (Tages)Zeitung lesen wir auch: Digital, wenn diese barrierefrei ist, mit Assistenz oder mithilfe sonstiger Texterkennungshilfsmittel.

Drei Mal gleiches Ziel, dreimal unterschiedliche Wege.

Und genau die ERFragen des Weges und nicht das HINTERfragen des Ziel ist auch die Aufgabe von Recht und Politik – sonst wird das mit der gleichberechtigten Teilhabe nix.

Wie (richtig?) fragen?

Man sagt, wer fragt, der führt.

Man sagt, dass Fragen sehr wichtig sind.

Daher Frage:

  • Was kann ich noch für dich tun?
  • Darf ich dich noch irgendwie unterstützen?
  • Kann ich dir noch was abnehmen?
  • Darf ich dir noch was helfen?
  • Steht noch was an?
  • Was als Nächstes?
  • Brauchen wir noch was?
  • Sonst noch?

…eine kleine Auswahl dessen, die wir hören, wenn Menschen, Assistentinnen oder nicht, uns fragen, ob sie noch was tun sollen.

Es wird unschwer zu erkennen sein, dass die Bilder hinter den einzelnen Fragen NICHT die gleichen sind. Und wenn dieser Unterschied bewusst ist, ist’s gut und kann zu einer guten Kommunikation beitragen.

Lustiges Detail am Rande: Eine langjährige Assistentin fragt – mit ironischem Unterton – immer: Was kann ich noch Gutes tun.

Das sind Angebote…;-)

Am 8.3.2020 gint es „Das Ziel ist ident, der Weg oft nicht“

 

Schule – Teil 10: Ein ganz normaler (Faschings)Text mit Barrieren

Es war zwei Wochen vor dem Faschingdienstag, als Sohnemann als Leseaufgabe aus der Spatzenpost – Februar 2020 den Text im Bild bekam.

Was DAS mit Barrierefreiheit zu tun hatte?

Rein gar  nichts!: Färbiger Text, wo nur ein Teil der Buchstaben relevant war, um den Text zu verstehen.

„Gut, scannen und geschafft ist’s.“ könnten unwissende und professionsfreie Gutachter in diesem Bereich versucht sein, zu denken.

So einfach ist’s jedoch nicht, denn dann kommt folgendes raus:

HKBOSMWMGTLK HZFUSMO
TFAWSGRCHMIANGERSPFENSHT
PDAHMS ZROGSAENZTMAONBVTRAMGP
BALB FDURPEMI GUZAHNRK
CVJOWRLKDUSEEKMNME
APSOLRZGAATWEHVADUKASL!

Das kann man gar nicht lesen!
Richtig, daher war es die Aufgabe  der Assistentin, nur die blauen Buchstaben herauszusuchen, um dann folgenden Text zu erhalten:

Das Zeitungsrätsel
Hase hat diesen Artikel in der Zeitung gefunden. Der Text sieht aus wie eine Geheimbotschaft und ist schwer zu lesen, oder?
Ist doch babyleicht! Man muss nur die blauen Buchstaben lesen!

Ab dann war eine elterliche Teilhabe voll und ganz möglich.

Und wie läuft das in der Praxis?
Vorsicht, das ist schon die Praxis. SO machen wir es bereits – es  braucht daher kein „Fach“Wissen, sondern nur Akzeptanz von „Experten in eigener Sache“.

Am 1.3.2020 gibt es „Wie (richtig?) fragen?“

 

Selbst lesen oder nicht – beides möglich

Unser ältester Sohn ist mittlerweile acht Jahre, liest  gut und gern.

ABER: Bei den Gute-Nacht-Geschichten liest er nicht selbst – oder doch.

Und genau dieses Aussuchen ist – so denken wir – ganz was Normales.

Die Entscheidung, wann er es wie bevorzugt – nuuuun, die Wege von Kinderentscheidungen sind lang…;-)

Nichtsdestotrotz: Wir sind vorbereitet, dank digital vorhandener und adaptierter Kinderbücher.

Die Moralien dieser Geschichte?

  • Nein, wir zwingen unsere Kinder in keine Entscheidung, die ausschließlich darauf beruhen würde, weil wir behindert sind.
  • Nein, wie er es haben möchte, lässt sich nicht voraussagen, daher denken gleich WIR voraus und barrierefrei.

Am 25.2.2020 gibt es „Schule – Teil 10: Ein ganz normaler (Faschings)Text mit Barrieren“

Hilfe anbieten, um zu beschleunigen?

Über Hilfe (richtig) (nicht) anbieten, wurde schon viel gesagt und geschrieben.

Am 04.05.2019 durfte ich, Jakob, DIE Art von „Hilfe anbieten“ (wieder einmal) erfahren, die ich so gar nicht mag.

Die Situation: Ich hole  beim Automaten Milch – tue dies fast jeden Samstag. 11 Liter. Letzte Information bitte merken, denn sie wird noch wichtig.

Der Automat hat nur zwei Knöpfe, der Füllstand der Milchflasche ist gut spürbar, weil, dadurch, dass es Frischmilch ist, die vollen Stellen kalt sind – keine Assistenz oder sonstige Hilfe notwendig.

DAS dürften nur nicht alle richtig beobachten (WOLLEN), denn am besagten Samstag, nach cirka der Hälfte der 11 Liter, sagte eine junge Dame sehr entnervt, aber  freundlich: „Darf ma vielleicht helfen?“.

Ich: Nein, danke.

Sie: Doch, dann geht’s schneller.

Ich: Was? Rinnt bei Ihnen die Milch schneller aus dem Automaten?

Sie: Hm, nein aber es ginge schneller.

Ich: Was? Dass die Milch schneller rinnt?

Sie: Nein, das nicht.

Ich: Sonst tut der Automat ja auch nix, oder?

Sie: Nein, aber sie können die Hilfe sicher brauchen.

Ich: Wobei denn?

Sie: Ich mein ja nur.

Ich: Was?

Sie: So halt.

Ich: Ah, jetzt verstehe ich. (Zugegeben: Mit schwerer Ironie in der Stimme)

Der nächste Kunde in der Reihe erklärte mir dann, dass man mit zwei Händen die Flasche besser halten kann. Auf derartige Dummheit wusste nicht einmal ich dann was drauf.

Am 23.2.2020 gibt es „Selbst lesen oder nicht – beides möglich“

 

 

 

Erziehungsvorstellungen, Familienbild und Assistenzbedarf

Inspiriert von diesem lesenswerten Artikel, machen wir uns nachfolgend Gedanken über den Zusammenhang zwischen Erziehungsvorstellungen, Familienbild und Assistenzbedarf und Reinigung.

Wie das zusammenhängt?
Einerseits: Je weniger jemand zu Hause ist, desto weniger Schmutz entsteht (in der Küche). Andererseits: Je mehr die Kinder zu Hause und je kleiner die Kinder sind, desto mehr Schmutz entsteht (überall).

Ob und (wieviel) die Kinder zu Hause sind, ist in Österreich im Kindergartenalter weitestgehend Elternentscheidung.

Jedoch auch in der Schule trifft das zu: Besuchen sie nicht die Nachmittagsbetreuung, sind sie z. B. in der ersten Klasse spätestens um 13:00 zu Hause.

Es entspricht sowohl unserem Familienbild, als auch unseren Erziehungsvorstellungen, dass wir möglichst viel Zeit unseren Kindern zur Verfügung stellen.

Dies bedingt auch, dass das Thema Schmutz anders behandelt werden muss, als wären sie nicht so viel zu Hause: Einerseits machen sie einfach mehr Schmutz dadurch (weil auch mehr Zeit dafür ist;-)), andererseits machen sie ihn auch unkontrollierter: mal im Wohnzimmer, mal in der Küche, und, und, und…

Wären sie weniger zu Hause, würden sich einerseits die Schmutz-Locations minimieren, andererseits generell – ob der kleineren, zeitlichen Präsenz – die Zeit für die „Tätigkeit“ weniger sein.

Dass sich damit der Assistenzbedarf anders lagert, dürfte sohin relativ klar sein.

Das betrifft im Übrigen natürlich nicht nur Reinigung, sondern auch Einkauf und sonstige alltägliche „Gebiete“.

Aber das ist bei uns auch so
Ja eh – ist ganz normal familiär – das denken wir auch. Je fachlicher die Welt jedoch, desto unnormaler wird diese Normalität, unserer Erfahrung nach.

Am 16.2.2020 gibt es „Hilfe anbieten, um zu beschleunigen?“